Mehr Wintersportunfälle - Wer trägt die Verantwortung?

Stefan Siegrist, Direktor der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu)

Die Skipiste ist kein rechtsfreier Raum.

Stefan Siegrist, Direktor der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu)

Es fährt ein Zug durch die Winterlandschaft (Bild Pixabay)

Es fährt ein Zug durch die Winterlandschaft (Bild Pixabay)

Bild Pixabay

Der grosse Ansturm der Wintersportler in den Bergen hat zu mehr Unfällen geführt. Doch wer steht in der Verantwortung?

Vergangene Woche kam es zu einem tödlichen Skiunfall an der Lenk. Ein vierjähriges Mädchen verstarb am Freitag im Spital, nachdem es auf der Piste mit einem Skifahrer zusammengestossen war. Die Kantonspolizei Bern prüft, ob strafrechtlich relevantes Verhalten wie zum Beispiel überhöhte Geschwindigkeit vorlag.

Gerade bei Kollisionen liege häufig ein Fehlverhalten der Ski- oder Snowboardfahrer vor, sagt Stefan Siegrist, Direktor der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu). In solchen Fällen ist der Fahrer im rechtlichen Sinn ganz klar auch in der Pflicht.

«Die Skipiste ist kein rechtsfreier Raum», betont Siegrist. «Die FIS-Regeln müssen eingehalten werden.» Das heisse vor allem, beim Überholen genügend Abstand halten, das Tempo drosseln und Rücksicht nehmen, wenn man von hinten angefahren komme.

Siegrist sieht grundsätzlich eine geteilte Verantwortlichkeit, um Unfälle auf der Skipiste zu verhindern: «In erster Linie ist es die Eigenverantwortung der Ski- und Snowboardfahrer. Aber auch die Pistenbetreiber können gewisse Vorkehrungen treffen.» Letztlich spiele auch das Material eine Rolle und wie sich dieses technisch weiterentwickeln werde.

Gute Erfahrungen mit der «Slow Slope»

Eine solche Vorkehrung sind beispielsweise Pisten mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung. In Grindelwald (BE) hat man mit einer Piste, auf der höchstens 30 km/h erlaubt sind («Slow Slope»), gute Erfahrungen gemacht: «Wir haben diese Piste seit 14 Jahren und hatten seither keinen schweren Unfall mehr», sagt Andreas Heim, Leiter Pisten- und Rettungsdienst der Firstbahn.

Besonders ältere Gäste, Familien mit Kindern und die Skischule fühlten sich auf der Piste sehr wohl. «Sie werden dort nicht bedrängt und können so langsam fahren wie sie wollen», sagt Heim. Und es mache die Gäste, die schneller fahren wollten, aufmerksamer und halte sie dazu an, die dafür vorgesehenen roten und schwarzen Pisten zu benutzen.

Viel zu viele Skiunfälle

Laut der bfu kommt es jährlich zu über 60’000 Unfällen auf Schweizer Skipisten, der Grossteil ist selbstverschuldet. Zwar tragen die meisten Verunfallten nur leichte Verletzungen davon. Doch gerade über die Festtage, wenn in den Bergen Hochbetrieb herrscht, häufen sich die Unfälle.

Dieses Jahr flog die Rega über die Festtage rund 350 Einsätze, mehrheitlich wegen verunfallter Wintersportler. Die Spitze verzeichnete die Rega am 29. Dezember mit 80 Einsätzen.

Wegen des Hochnebels der letzten Tage zog es die Menschen in Massen in die sonnigen Berge: Die Bündner Bergbahnen verzeichneten 5,5 Prozent mehr Gäste über die Festtage. Die Engelberg-Titlis-Bergbahnen zählten 13 Prozent und Saas-Fee 24 Prozent mehr Gäste als im Vorjahr.

Quelle: SRF

5.1.2019

Kosten bei Wintersportunfällen auf 379 Millionen gestiegen

Die weisse Pracht lockt jährlich rund 2,5 Millionen Schweizerinnen und Schweizer zum Skifahren oder Snowboarden in die Berge. Dabei fährt das Unfallrisiko mit. Über alle Wintersportarten zählen die Unfallversicherer durchschnittlich 47'000 Schadenfälle pro Jahr. Die wesentlichen Kostenverursacher sind Ski- und Snowboardunfälle.

Die Kosten aller Wintersportunfälle sind in den vergangenen 15 Jahren um 70 Prozent von 224 Millionen Franken auf 379 Millionen Franken angestiegen. Dies entspricht einem durchschnittlichen Zuwachs von 3,6 Prozent pro Jahr. Ski- und Snowboardunfälle machen mit rund 75 Prozent den grössten Anteil der Unfallkosten aus. Pro Jahr verursachen rund 27000 Skiunfälle 250 Millionen Franken und 6500 Snowboardunfälle 36 Millionen Franken an Unfallkosten.

Prävention hilft Unfälle zu vermeiden

Mit der richtigen Vorbereitung und einem angepassten Fahrverhalten, lässt sich das Unfallrisiko minimieren. «Neben einer gut gewarteten Ausrüstung ist es wichtig, dass man sein sportliches Können und seine Fitness richtig einschätzt. Wer beide Aspekte beim Schneesport berücksichtigt, hat länger Freude auf den Pisten» empfiehlt Samuli Aegerter, Schneesportexperte der Suva. «Wer sein Fahrverhalten entsprechend anpasst, verkleinert das Risiko eines Selbstunfalls beträchtlich», bekräftigt Aegerter.

Ein Skiunfall kostet rund 7700 Franken, ein Snowboardunfall durchschnittlich 4100 Franken. «Über alle Altersgruppen hinweg betrachtet, treiben vor allem die Skifahrer die Unfallkosten in die Höhe», weiss Aegerter. Skifahrer verletzen sich mehr an Knie und Unterschenkel, Snowboarder dagegen an Vorderarm und Handgelenk. Eine Fraktur an den oberen Extremitäten führt in der Altersgruppe der 20 bis 29-Jährigen zu Versicherungsleistungen von durchschnittlich 7300 Franken, eine Fraktur an den unteren Extremitäten ist mit durchschnittlichen 20 200 Franken pro Unfall bedeutend kostenintensiver.

Gemäss Aegerter liegt ein grosses Handlungspotenzial bei der Fitness: «Viele Schneesportler sind körperlich nicht fit genug. Eine gute körperliche Verfassung erhöht den Fahrgenuss, verbessert das technische Können und reduziert das Risiko von Stürzen und Verletzungen».

Quelle: SRF