Schweizer Bauern fordern mehr Anerkennung

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Aargauer Bauern

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Bild ZVG Aargauer Bauernverband

Die Kosten für die einheimische Landwirtschaft und ihr tiefer Anteil an der Wertschöpfung sind häufig ein Thema. Ihr gesamtwirtschaftlicher Nutzen und effektiver Wert kaum. Das will der Schweizer Bauernverband mit der heutigen Jahresmedienkonferenz und seinem neuen Hintergrundbericht «Wirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft» ändern.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft scheint klein, wenn man nur ihren Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) von weniger als 1 Prozent betrachtet. Dem effektiven Wert der einheimischen Urproduktion wird diese Zahl jedoch nicht gerecht, wie der Schweizer Bauernverband (SBV) heute an seiner Jahresmedienkonferenz in der Luzerner Landgemeinde Hergiswil bei Willisau und in seinem neuen Hintergrundbericht ausführt.

Ungleiche Verteilung

Die urbanen Zentren und die dort ansässigen wertschöpfungsstarken Branchen wie Pharmaindustrie, Banken oder Versicherungen überdecken die Tatsache, dass es auch sehr ländliche Gebiete gibt, deren Gedeihen stark mit der Landwirtschaft sowie den von ihr abhängigen vor- und nachgelagerten Bereichen der Ernährungswirtschaft verbunden ist. Dies liegt zum einen an den hohen Kosten der Landwirtschaft. Die Bauernfamilien geben jährlich rund 6.3 Milliarden Franken aus, die fast 1:1 im lokalen Gewerbe landen. Beim Landmaschinenhändler, Zimmermann, Stallbauer oder Tierarzt – um nur einige Beispiele zu nennen. Auf der anderen Seite produziert die Landwirtschaft jährlich Lebensmittelrohstoffe und Lebensmittel im Wert von rund 10 Milliarden Franken. Daraus entsteht ein Gesamtmarkt auf Stufe Verarbeitung und Handel von fast 60 Milliarden Franken. Damit ist auch klar, wo die Wertschöpfung im Ernährungssektor hängen bleibt.

Schweizweit sichert die Branche mit rund 300‘000 Stellen 8 Prozent aller Arbeitsplätze. In der Luzerner Landgemeinde Hergiswil bei Willisau sind es laut Gemeindepräsident und Landwirt Urs Kiener mehr als 40 Prozent. Die Landwirtschaft und die Bauernfamilien seien damit eine tragende Stütze der lokalen Wirtschaft, der örtlichen Infrastruktur und des Dorflebens. Da viele Landwirtschaftsbetriebe auf einen ausserlandwirtschaftlichen Zuerwerb angewiesen sind, würden Branchen mit Rekrutierungsproblemen die Bäuerinnen und Bauern auch als Arbeitskräfte schätzen, ergänzt Gemeinderätin und Bäuerin Renate Ambühl. Dazu gehöre das Bau- oder Gastgewerbe, der Pflege- oder Tourismusbereich.

Unbezahlter Mehrwert

Neben der Erzeugung von Lebensmitteln erbringt die Schweizer Landwirtschaft gemeinwirtschaftliche Leistungen, sogenannte öffent­liche Güter. Weil niemand von deren Konsum ausgeschlossen werden kann, besteht dafür keine private Zahlungsbereitschaft, auch wenn deren Nutzen durchaus anerkannt ist. Diese öffentlichen Güter sind Koppelprodukte der landwirtschaftlichen Produktion. Klassische Beispiele dafür sind die Landschaftspflege, die Förderung der Biodiversität, die Versorgungsicherheit oder die Belebung des ländlichen Raums. Aufgrund der fehlenden Zahlungsbereitschaft muss die Politik mit entsprechenden Anreizen dafür sorgen, dass diese Güter im gesellschaftlich gewünschten Umfang produziert werden. Darauf basiert die Agrarpolitik und die Direktzahlungen. Ein wesentliches Koppelprodukt der landwirtschaftlichen Produktion ist die Offenhaltung und Gestaltung der Kulturlandschaft. Ohne wäre die Schweiz ein grosses Waldgebiet. Doch was ist diese Leistung wert? Eine offizielle Zahl gibt es nicht. Für die Grünpflege entlang der Nationalstrassen muss der Bund gemäss offiziellen Angaben des Bundesamts für Strassen 8200 Franken pro Hektare pro Jahr aufwenden. Rechnet man das für das Mähen von 1.5 Millionen Hektaren Landwirtschaftsfläche hoch und halbiert den Betrag aufgrund des Skaleneffekts, würden jährlich Kosten in der Höhe von rund 6.2 Milliarden Franken entstehen.

Politische Herausforderungen

Die Schweizer Landwirtschaft steht vor einer Reihe wichtiger politischen Weichenstellungen. Dazu gehört die Weiterentwicklung der Agrarpolitik, die Revision des Raumplanungsgesetzes für das Bauen ausserhalb der Bauzone, die laufenden und angepeilten Freihandelsabkommen oder anstehende Volksinitiativen wie „Für sauberes Trinkwasser“ oder „Für eine Schweiz ohne synthetischen Pestizide“. Alle haben das Potential, die bereits tiefe Wirtschaftlichkeit der Lebensmittelproduktion als Hauptaufgabe der Landwirtschaft und die zukunftsgerichtete Weiterentwicklung der Betriebe empfindlich zu schwächen. Mit dem an der Medienkonferenz lancierten Fokusmagazin will der Bauernverband aufzeigen, dass es bei all den politischen Themen nicht um das BIP oder den Wert der Lebensmittelproduktion allein geht. Sondern auch um die erwähnten Koppelprodukte und gemeinwirtschaftlichen Leistungen, die am Markt keinen Preis, aber sehr wohl einen Wert haben. In der einheimischen Landwirtschaft steckt mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist.

Quelle: Schweizer Bauernverband

5.1.2019