Wer hätte das gedacht? Unser aller BLICK wird 60 Jahre alt

Otto Eduard Leopold Fürst von Bismarck

Die Presse ist für mich Druckerschwärze auf Papier.

Otto Eduard Leopold Fürst von Bismarck

BLICK - 60 Jahre

BLICK - 60 Jahre

Screenshot ZVG BLICK

Grosse Titel, viele Fotos, knackige Themen: Vor 60 Jahren führte BLICK einen neuen Stil im Schweizer Journalismus ein, der die Schweizer Medienlandschaft prägte. 2019 lässt der BLICK diesen Erfolg Revue passieren.

BLICK begann nicht mit einem Skandal. In der ersten Ausgabe der ersten Schweizer Boulevard-Zeitung am 14. Oktober 1959 stand nichts, was die Schweizer Gesellschaft durchgeschüttelt hätte. Die Titelstory war eine Verneinung: «Der Diener ist nicht der Mörder». Es ging um laufende Ermittlungen in einem Genfer Kindsmord-Fall. Alltag, könnte man fast sagen. Als hätte es diese Zeitung schon immer gegeben.

Nein, BLICK deckte keinen Skandal auf an jenem Herbsttag. BLICK war selber der Skandal.

Studenten verbrannten BLICK

Eine Zeitung mit so grosser Titelschrift, mit so viel Rot, mit so vielen Fotos (wenn auch weniger als heute und nur in Schwarz-Weiss), das hatte es in der Schweiz noch nicht gegeben. Dabei war die Sprache nüchtern, fast brav, nicht reisserisch. Mögen die Titelschriften auch knallig gewesen sein – in den Texten bemühte sich die neue Redaktion unter der Leitung des Luzerner Chefredaktors Felix von Schumacher geradezu um Sachlichkeit.

Aber die Konkurrenz und all jene, die BLICK nicht lasen, empfanden ihn als Provokation. Noch im selben Jahr, neun Jahre vor 1968, gab es in der Schweiz Studentenproteste – gegen die neue Zeitung. In heiligem Ernst verbrannten Hochschüler den BLICK bündelweise, in der Hoffnung, diesem Land und seinem Journalismus den neuen Teufel austreiben zu können.

Aber es war zu spät. BLICK ist geblieben. Und hat alles verändert.

So schweizerisch wie möglich

Sein erster Mit-Herausgeber war Paul Ringier, der schon die «Schweizer Illustrierte» und die «Gelben Hefte» erfunden hatte. Er wagte es, in der Schweiz eine Vision aus Deutschland zu realisieren: Helmut Kindler, linker Vorkriegsjournalist, Gründer grosser Tageszeitungen wie «Tagesspiegel» und «Berliner Zeitung» sowie der legendären Jugendzeitschrift «Bravo», hatte schon lange den Plan, auch in der Schweiz eine Zeitung nach dem Vorbild des Springer-Blatts «Bild» zu gründen. In Ringier fand er dafür den Partner.

Die öffentliche Schweiz war über dieses Importprodukt, das auch teilweise von Deutschen gemacht wurde, überhaupt nicht erfreut. Dabei war es gerade der Deutsche Kindler, der in den Anfangstagen darauf drängte, das Blatt so «schweizerisch» wie möglich zu machen. Also: eher milde, zurückhaltend. So wie die Schweizer nun mal waren – oder sich sahen. Seine Blattmacher dagegen drängten darauf, klare Kante zu zeigen, so wie es die Boulevard-Vorbilder in Deutschland oder Grossbritannien vormachten. Kindler verlor diesen Kampf bald und verkaufte seine Anteile an Ringier.

Maulkorb für Regierungsmitarbeiter

Natürlich hatte und behielt BLICK seine helvetische DNA, aber er war ein Virus im konsensorientierten Land. In einer Medienlandschaft, in der jedes Blatt parteipolitisch verortet war – bei den Freisinnigen, den Katholisch-Konservativen oder den Sozialdemokraten –, blieb der betont unabhängige Neuling verdächtig. BLICK bezog zwar ständig Position, aber für Anliegen, nicht Parteien.

Das war alles unerhört, selbst für den Bundesrat. Er empfand, so teilte er dem Parlament nach den ersten BLICK-Ausgaben mit, den Stil des Blatts als «eine für unser Land völlig fremde Art der Beeinflussung des Lesers», befürchtete «die Weckung und Befriedigung des Sensationsbedürfnisses», was für ihn «hergebrachter, gesunder schweizerischer Pressetradition» widerspreche.

Immerhin: Ein Verbot schloss er aus. Wegen der Pressefreiheit. Regierungsmitarbeitern jedoch wurde es verboten, mit BLICK-Mitarbeitern zu reden. Das Verbot liess sich natürlich nicht lange aufrechterhalten, auch ganz oben nicht. Die Boulevard-Reporter waren die ersten, die sich erfrechten, Bundesräte zu Hause am Wochenende anzurufen. Die Kollegen bei der Konkurrenz ahmten diese ungenierte Arbeitsweise bald nach. Der BLICK-Geist war aus der Flasche.

Rekordauflage auch dank Bingo

Man könnte das alles auch ganz anders zusammenfassen: Die neue Zeitung aus Zürich machte alles richtig. Denn natürlich war jede Empörung grossartige Werbung. Die erste Ausgabe hatte noch eine Auflage von 48’000 Exemplaren, die offenbar begehrt waren: «Unsere Verkäufer wurden vom Publikum buchstäblich bestürmt», schrieb die Redaktion am zweiten Tag – was vielleicht Marketing war. Aber nach zwei Jahren lag die Auflage beglaubigt bei über 97’000.

Und dann gings nur noch bergauf. Mitte der 1960er-Jahre hatte man die Konkurrenz überholt: Mit einer Auflage von 200’000 war der BLICK die grösste Schweizer Kaufzeitung. Der Höhepunkt wurde 1986 erreicht mit 380’000 Exemplaren. Diesen Erfolg, und das verhehlte BLICK nie, erreichte man nicht nur mit Brot, also Journalismus, sondern auch mit Spielen: Die Beilage von Bingo-Karten soll in den 80er-Jahren für gut und gern 70’000 zusätzlich verkaufter Exemplare verantwortlich gewesen sein.

BLICK experimentierte ohnehin gänzlich unbeschwert mit verkaufsfördernden Ideen. Spiele gehörten dazu, das BLICK-Girl ebenfalls – oder dann die Beteiligung an der Konzertagentur Good News, Synergie-Effekte mit der Star-Berichterstattung inklusive.

Immer eine Antwort

Ebenso wenig Scheu zeigte die Zeitung vor heiklen Themen: Dazu gehörte die «Liebe Marta» Emmenegger, die erste Sexberaterin in einem Schweizer Medium. Von 1980 bis 1996 klärte sie offen, aber nie vulgär, die vielen kleinen und grossen Leserfragen über die wichtigste Nebensache der Welt. Ihre beiden Nachfolgerinnen Eliane Schweitzer und heute Caroline Fux führten die Institution Sexberatung weiter, in jeweils eigenem Stil.

BLICK gab immer etwas direkter Antwort, wenn man ihn fragte: Nicht nur in Sachen Sexleben, sondern am «Heissen Draht», auch wenn es ums Eingemachte ging, also Arbeitsrecht, Mietrecht, Erbschaftsfragen, Versicherung, Finanzen oder Schulisches. So was kannte man vielleicht von Zeitschriften wie dem «Beobachter», aber nicht von einer Tageszeitung.

Alles für die Exklusivität

Am prägendsten aber für den Schweizer Journalismus war die Art und Weise, wie BLICK an Ereignisse heranging. «BLICK ist dabei» war ein Werbeslogan, der traf: Hingehen, Zeugen befragen, Fotos machen, eine fast polizeiliche Ermittlerarbeit – das brachte Berichte hervor, die lange Zeit niemand anderer liefern konnte. Oder wollte.

Das war natürlich aufwendig. Karl Lüönd, in den 1970er-Jahren Nachrichtenchef beim BLICK, beschrieb kürzlich, wie er 1977 reagierte, als am 18. Dezember die Nachricht eintraf, eine Caravelle der Genfer Airline SATA sei vor Madeira ins Wasser gestürzt. 21 Passagiere hatten überlebt und waren dort gestrandet. In der Vorweihnachtszeit waren alle Flüge ausgebucht. Also, so Lüönd, charterte er selber einen Flug – für 15’000 Franken – und schickte eine grosse BLICK-Crew nach Portugal. Die Reporter kamen zurück mit exklusiven Zeugenberichten und Koffern voller Fotos.

Was die Menschen bewegt

Mediengepflogenheiten hat BLICK also auf den Kopf gestellt. Hat er auch das Land verändert? Die Zeitung war und ist gefürchtet für ihre Kampagnen. Die waren oft, das sei hier eingestanden, weit weniger erfolgreich als ihre Macher sich wünschten. Aber letztlich ging es BLICK stets mehr darum, Themen zu setzen, als politische Ergebnisse zu zeitigen.

Und dabei war auch BLICK, wie die meisten anderen Zeitungen, immer am meisten geprägt von den Einstellungen seiner Journalisten – ob nun in der eher rechtspopulistischen Epoche unter dem legendären 1980er-Chefredaktor Peter Uebersax oder in der eher linken Ära um die Jahrtausendwende. BLICK zeigte immer Haltung, hatte stets eine eigene Meinung. Aber er hörte dabei den Menschen in diesem Land zu, ob sie seine Leser waren oder nicht. Und schrieb, was sie bewegte. Damit bewegte er die Schweiz.

Boulevard hält überall Einzug

Heute ist das besser möglich denn je. BLICK erreicht 472'000 Leserinnen und Leser, SonntagsBlick (er feiert dieses Jahr seinen 50sten!) 564'000, und die Website Blick.ch verzeichnete im August erstmals eine Milliarde Pageimpressions. Dabei bietet die 60 Jahre alte Marke längst nicht mehr nur klassischen Boulevard. Der Anspruch ist heute: Was immer die Menschen in diesem Land interessiert – BLICK hat etwas dazu zu sagen, auf seine Weise.

Mit Boulevard wäre BLICK heute ohnehin längst nicht mehr allein: Die Konkurrenz hat vieles übernommen, was diese Zeitung entwickelt hat. Und die Entwicklung geht weiter. In den 60 Jahren seit dem Einschnitt von 1959 gab es die grossen Zäsuren Privatradio, Kabelfernsehen, Gratiszeitungen, Internet. Wie es weitergeht, wie Journalismus in den nächsten 60 Jahren aussieht, können wir nur ahnen.

Quelle: BLICK

3.1.2019